Interview Netzwerk KvI – Hessen: Verantwortung von Justiz und Gesellschaft gemeinsam denken
Kinder von Inhaftierten gehören zu den unsichtbarsten Betroffenen im Strafvollzug. Im Gespräch mit Frau Ministerialdirigentin Esther Fuchs-Jürgens, Hessisches Ministerium der Justiz und für den Rechtsstaat, Referatsleiterin IV/B2 Abtlg. IV und Mitglied im Fachbeirat Landesfachstelle im Netzwerk Kinder von Inhaftierten – Hessen sprechen wir über die Verantwortung der Justiz, die Rolle des Fachbeirats und darüber, warum familienorientierte Angebote in Justizvollzugsanstalten ein zentraler Baustein kindgerechter Rechtspolitik sind.
Warum engagieren Sie sich persönlich im Beirat des Projektes „Kinder von Inhaftierten“?
Das hat mehrere Gründe. Zum einen lässt sich über ein Engagement in einem Beirat aktiv Einfluss nehmen auf die Qualität und die Weiterentwicklung des Projektes. Zum anderen ist es mir wichtig, gemeinsam über eine wirksame Unterstützung für die Kinder von Inhaftierten und deren Eltern nachzudenken und nachhaltige Strukturen und Veränderungen im Rahmen eines Netzwerkes anzustoßen. Letztlich zählt für mich aber ganz besonders, immer wieder auf die besondere Bedürfnislage der Kinder aufmerksam zu machen, sie sichtbar zu machen.
Wie wichtig sind aus Ihrer Sicht familienorientierte Angebote in einer JVA?
Familienorientierte Angebote im Justizvollzug sind für die Kinder und deren Eltern sehr wichtig. Diese Angebote helfen, die Beziehung trotz einer Trennung aufrechtzuerhalten und zu pflegen, manches Mal sogar zu verbessern. Die Haft eines Elternteils trifft nicht nur den Täter oder die Täterin, sondern das gesamte Familiensystem. Deswegen werden im Rahmen der Familienorientierung im hessischen Justizvollzug vielseitige Maßnahmen für Väter, Mütter und Kinder angeboten.
Was wünschen Sie sich von Politik und Gesellschaft im Umgang mit Kindern von Inhaftierten?
Ich wünsche mir von der Gesellschaft mehr und stetige Aufmerksamkeit für die besondere Bedürfnislage der Kinder von Inhaftierten. Kinder von Inhaftierten dürfen kein Randthema sein. Ihre Lebenssituation trifft viele Bereiche gleichzeitig. Daher ist auch das Anliegen der am Projekt beteiligten verantwortlichen Ressorts, gemeinsam weiterhin gute tragfähige Lösungen zur Unterstützung der Angehörigen von Inhaftierten zu erarbeiten.
Was ist aus Ihrer Sicht die größte Lücke in der gesellschaftlichen Wahrnehmung des Themas?
Viele Menschen verbinden Haft mit den Inhaftierten und nicht mit deren Familien. Die Auswirkungen auf Familienangehörige sind ihnen nicht bewusst. Es gibt wenig öffentliche Aufmerksamkeit, wenig Statistik für die Problematik der Kinder. Es braucht mehr an öffentlichkeitswirksamen Aktionen oder auch Nutzen von Social Media um ein besseres Verständnis zu fördern.
Welche Rolle spielt der Beirat für das Projekt und welchen Beitrag leisten sie in Ihrer beruflichen Tätigkeit?
Der Beirat vereint Fachwissen aus unterschiedlich verantwortlichen Bereichen und treibt somit eine Vernetzung der Ressorts voran. Ein schnelleres Reagieren auf die Bedürfnislage der Angehörigen, besonders der Kinder wird dadurch gefördert. Durch diese ressortübergreifende Zusammenarbeit enden die Bemühungen des Vollzugs nicht bei der Entlassung an der „Pforte“, sondern setzen sich idealerweise nahtlos im Alltag der Familien fort. Meine Tätigkeit als Referatsleiterin umfasst daher sowohl die Umsetzung der Maßnahmen im Rahmen der vollzuglichen Familienorientierung als auch die Förderung der ressortübergreifenden Zusammenarbeit.
Wie hat sich die Situation von Kindern von Inhaftierten seit dem Start des Projektes verändert?
Seit dem Start des Projektes konnten die bereits bestehenden Strukturen und Angebote im Rahmen der Familienorientierung im hessischen Justizvollzug weiter ausgebaut werden. Die Situation der Kinder von Inhaftierten hat sich weiter spürbar verbessert, dies vor allem durch gezielte Maßnahmen, Besuchsausgestaltung und kinderfreundliche Broschüren sowie Fortbildungsangebote für Mitarbeitende. So sind die Kinder der Inhaftierten sichtbarer geworden und erhalten ihrer Bedürfnislage entsprechend Unterstützung. Natürlich bleibt immer noch viel zu tun, aber die Richtung hin zum Verständnis und zur Teilhabe stimmt.

LWL/Alexandra Heckhuis