Fachtagung: Zwischen Mauern und Alltag
Am 7. Mai 2026 fand die bundesweite Fachtagung „Zwischen Mauern und Alltag – Austausch, Inspiration und Best Practice zu Familienangeboten in Haft und im Sozialraum“ der Bundesinitiative Netzwerk Kinder von Inhaftierten statt. Rund 50 Fachkräfte, Praktiker*innen und künftige Akteur*innen aus 13 Bundesländern kamen in Berlin zusammen, um Erfahrungen auszutauschen, voneinander zu lernen und neue Impulse für die Unterstützung von Kindern Inhaftierter und deren Familien zu entwickeln. Im Mittelpunkt des Fachtags standen der bundesweite Austausch und die Vernetzung. In interaktiven Formaten wurden bestehende Praxisansätze vorgestellt, Herausforderungen diskutiert und gemeinsam Perspektiven für eine nachhaltige Unterstützung erarbeitet. Ergänzt wurde das Programm durch zwei Fachvorträge, die zusätzliche Impulse setzten.
Begrüßung: Miteinander und voneinander lernen
Zum Auftakt des Fachtags begrüßten Hilde Kugler, Leitung und Initiatorin der Bundesinitiative Netzwerk Kinder von Inhaftierten, sowie Ben Spöler von der Auridis Stiftung die Teilnehmenden aus allen Bundesländern. Unter dem Motto „miteinander und voneinander lernen“ rückte bereits in der Eröffnung die Bedeutung eines bundesweiten fachlichen Austauschs in den Mittelpunkt. Hilde Kugler betonte, wie wichtig der konkrete Dialog über Unterstützungsangebote „drinnen und draußen“ sowohl für erfahrene Anbieter als auch für interessierte Fachkräfte und Verantwortliche sei. Zugleich verwies sie auf die Notwendigkeit, Unterstützungsstrukturen für Kinder von Inhaftierten bundesweit stärker anzugleichen: „Damit aber auch künftig bundesweit kein Kind mehr alleine bleiben muss, gilt es, einen Gleichklang der Unterstützungsangebote in allen Bundesländern zu finden.“ Auch die Jugend- und Familienministerkonferenz habe die Bedeutung eines länder- und ressortübergreifenden Austauschs hervorgehoben, um den Zugang betroffener Kinder und Jugendlicher zu Leistungen des SGB VIII weiter zu verbessern. Die Bundesinitiative Netzwerk KvI habe sich diesem Ziel verschrieben und mache mit ihrer ersten Monitoringbroschüre bereits sichtbare Fortschritte in sechs Bundesländern deutlich.
Grußwort der Kinderchancen-Koordinatorin Mareike Wulf
Im Anschluss an die Begrüßung richtete Mareike Wulf, Parlamentarische Staatssekretärin im BMBFSFJ und Kinderchancen-Koordinatorin der Bundesregierung, ein Grußwort an die Teilnehmenden. Dabei betonte sie die besondere Bedeutung, Kinder von Inhaftierten stärker sichtbar zu machen und ihre Rechte auf Chancengleichheit und gesellschaftliche Teilhabe konsequent mitzudenken. Sie würdigte ausdrücklich das Engagement des Netzwerk Kinder von Inhaftierten und hob hervor, wie wichtig der Ausbau nachhaltiger Unterstützungsstrukturen für betroffene Kinder und Familien sei. Eine zentrale Herausforderung liege darin, die Systeme Justiz sowie Kinder- und Jugendhilfe besser aufeinander abzustimmen und dabei konsequent die Perspektive der Kinder in den Mittelpunkt zu stellen. Mareike Wulf unterstrich zudem ihre Bereitschaft, bestehende Kooperationen weiter auszubauen, und sicherte dem Netzwerk Unterstützung auf Bundesebene zu. Es dürfe nicht vom Wohnort abhängen, welche Hilfen ein betroffenes Kind erhalte. Kinder von Inhaftierten bräuchten verlässliche Unterstützung, faire Chancen und gesellschaftliche Aufmerksamkeit – unabhängig von ihrer familiären Situation. Gerade deshalb sei es notwendig, das Thema weiter zu enttabuisieren und die Zusammenarbeit zwischen Justiz, Jugendhilfe und politischen Ebenen nachhaltig zu stärken.
Kindesrecht und Kindeswohl zusammendenken
In ihrem Vortrag „Kindesrecht und Kindeswohl zusammendenken“ stellte Claudia Kittel von der Monitoringstelle UN-Kinderrechtskonvention am Deutsches Institut für Menschenrechte die kinderrechtliche Perspektive auf die Situation von Kindern Inhaftierter in den Mittelpunkt. Sie erläuterte die Schutzfunktion der UN-Kinderrechtskonvention und betonte insbesondere die Bedeutung der Artikel 3 und 12 – den Vorrang des Kindeswohls sowie die Berücksichtigung des Kindeswillens. Die Kinderrechtskonvention gelte uneingeschränkt, auch im Kontext von Inhaftierung und Strafvollzug. Zudem stellte Claudia Kittel die Monitoring-Arbeit des DIMR vor, das seit 2016 die Situation von Kindern Inhaftierter beobachtet, analysiert und daraus Empfehlungen für Politik und Praxis ableitet. Dabei sei insbesondere die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen zentral. Mit Verweis auf die COPING-Studie machte sie deutlich, wie wichtig der Kontakt zum inhaftierten Elternteil für betroffene Kinder ist. Abschließend verwies sie darauf, dass Deutschland sich beim nächsten UN-Ausschuss zum Thema „Kinder von Inhaftierten“ positionieren müsse.
Bindung als Fundament für schwierige Lebenslagen
Mit seinem Fachvortrag „Sichere Bindung als Fundament“ richtete Michél Murawa den Blick auf das kindliche Erleben sowie die Bedürfnisse von Kindern inhaftierter Eltern aus bindungs- und entwicklungspsychologischer Perspektive. Im Zentrum stand dabei die Frage: „Wie kann es gelingen, Kindern von Inhaftierten den Boden unter den Füßen zu bewahren?“ Anhand aktueller Erkenntnisse aus der Bindungsforschung erläuterte Murawa zunächst, worauf sichere Bindung gründet, welche Bindungstypen unterschieden werden und weshalb stabile Bindungserfahrungen für die Entwicklung von Kindern essenziell sind. Daran anschließend beschrieb er eindrücklich die Auswirkungen einer Inhaftierung auf das Bindungserleben von Kindern: „Der sichere Hafen steht in Flammen, die sichere Basis hat Risse bekommen. Das unsichtbare Band ist zum Zerreißen gedehnt.“ Die Erfahrung der Inhaftierung wirke sich unabhängig vom zuvor bestehenden Bindungstyp tiefgreifend auf betroffene Kinder aus. Aus einem Gefühl von Sicherheit werde häufig das Empfinden: „Mir haftet etwas an.“ Umso wichtiger sei es, Kindern, sofern das Kindeswohl nicht gefährdet wird, weiterhin verlässliche Kontaktmöglichkeiten zu ihren inhaftierten Elternteilen zu ermöglichen. Der Vortrag machte deutlich, dass stabile Beziehungen, kindgerechte Besuchsmöglichkeiten und kontinuierliche Bindungserfahrungen zentrale Schutzfaktoren für die betroffenen Kinder darstellen.
Workshops: Austausch und Inspiration
Ein zentraler Bestandteil des Fachtags waren die vier praxisorientierten Workshops, die Raum für fachlichen Austausch, Vernetzung und die gemeinsame Entwicklung neuer Ideen boten. Thematisch widmeten sich die Workshops sowohl Unterstützungsangeboten im Justizvollzug als auch im Sozialraum:
- „Einzelberatung und Unterstützungsangebote drinnen“
- „Einzelberatung und Unterstützungsangebote draußen“
- „Gruppenangebote und Veranstaltungen drinnen“
- „Gruppenangebote und Veranstaltungen draußen“
Im Mittelpunkt standen dabei konkrete Erfahrungen aus der Praxis sowie die Frage, wie Unterstützungsangebote für Kinder von Inhaftierten weiterentwickelt und nachhaltig verankert werden können.
Bereits im Vorfeld des Fachtags hatten die Teilnehmenden die Möglichkeit, sogenannte Steckbriefe einzureichen und darin ihre Angebote und Projekte zum Thema „Kinder von Inhaftierten“ vorzustellen. Auch am Veranstaltungstag selbst konnten weitere Steckbriefe ergänzt werden. Die vorgestellten Angebote bildeten die Grundlage für die anschließenden Workshop- und Kleingruppenphasen, in denen intensiv diskutiert, Best-Practice-Beispiele ausgetauscht und neue Ansätze entwickelt wurden. Besonders bereichernd war dabei die vielfältige Zusammensetzung der Teilnehmenden: Fachkräfte aus verschiedenen Bundesländern, Vertreter*innen der Justiz- sowie Jugend- und Bildungsministerien, Mitarbeitende aus dem Justizvollzug, der öffentlichen und freien Jugendhilfe, der Straffälligenhilfe sowie der Landesfachstellen des Netzwerk Kinder von Inhaftierten brachten ihre unterschiedlichen Perspektiven und Erfahrungen ein. Dadurch entstand ein lebendiger, interdisziplinärer Austausch, der von Offenheit, Praxisnähe und dem gemeinsamen Ziel geprägt war, die Situation von Kindern Inhaftierter nachhaltig zu verbessern.
Gemeinsam Perspektiven schaffen
Der Fachtag machte deutlich, wie wichtig bundesweite Vernetzung, fachlicher Austausch und gemeinsame Verantwortung für die Unterstützung von Kindern Inhaftierter und ihrer Familien sind. Gemeinsam arbeiteten die Teilnehmenden daran, bestehende Angebote weiterzuentwickeln und neue Perspektiven zu schaffen, damit betroffene Kinder und Familien künftig in ganz Deutschland die Unterstützung bekommen, die ihnen zusteht. Die vielfältigen Impulse, Praxisbeispiele und Diskussionen zeigten eindrucksvoll, wie groß das Engagement der beteiligten Fachkräfte und Institutionen bereits ist. Gleichzeitig wurde deutlich, dass es weiterhin starke Kooperationen, politische Unterstützung und nachhaltige Strukturen braucht, um Kinder von Inhaftierten langfristig besser zu begleiten, ihre Rechte zu stärken und ihnen faire Chancen auf Teilhabe und Entwicklung zu ermöglichen.

















