Papa oder Mama kommt in Haft, eine Familie wird auseinandergerissen, eine Bezugsperson verschwindet plötzlich, ein Gehalt fällt weg. Was macht das eigentlich mit den Kindern?

Im Leben eines Kindes oder Jugendlichen ist die Inhaftierung eines Elternteiles ein einschneidendes Ereignis. Neben den ökonomischen, sozialen und auch psychischen Folgen für die gesamte Restfamilie trifft es die Kinder besonders hart. In Deutschland sind jährlich circa 100.000 Kinder direkt von den Folgen einer solchen von außen erzwungenen Trennung von den Eltern betroffen.

Die Notwendigkeit, die weitreichenden Folgen für die Kinder abzumildern und ihre Chancen im Leben zu verbessern, betont u.a. die UN Kinderrechtskonvention. Sie fordert, „das Recht des Kindes, das von einem oder beiden Elternteilen getrennt ist, (durch) regelmäßige persönliche Beziehungen und unmittelbare Kontakte zu beiden Elternteilen zu pflegen, soweit dies nicht dem Wohl des Kindes widerspricht.“ (Artikel 9 Absatz 3). Auch Empfehlungen des Europarats liegen bereits vor.

Auf Bundesebene wurde daher nun in sechs Bundesländern das Projekt Netzwerk Kinder von Inhaftierten gestartet, um die Bedürfnisse der Kinder besser wahrzunehmen und Unterstützung für sie einfacher zugänglich zu machen.

In Hessen soll eine „Verbesserung der Versorgungsstruktur für Kinder von Inhaftierten“ durch eine gemeinsame Initiative des Hessischen Ministeriums für Soziales und Integration (HSMI) und des Hessischen Ministeriums der Justiz (HMdJ) in Kooperation mit der Auridis Stiftung gGmbH umgesetzt werden. Der Verein AKTION – Perspektiven für junge Menschen und Familien e.V., wurde mit dem Aufbau des Netzwerks betraut. Der Verein verfügt über langjährige Erfahrungen in der Kinder- und Jugendhilfe sowie der Straffälligenhilfe und der Arbeit mit Angehörigen und Kindern von Inhaftierten.

„Bisher gibt es im Hilfesystem noch zu wenig Bewusstsein über die Bedeutung von Präventionsmaßnahmen für diese besonders gefährdete Zielgruppe,“ betont die Projektleiterin Astrid Dietmann-Quurck. Dies liege vor allem an der fehlenden Vernetzung zwischen den Systemen der Justiz und der Kinder- und Jugendhilfe. Es gelte daher „Brücken zu bauen“ in die Regelangebote, um den Zugang zu Angeboten zu erleichtern.

Das neue „Netzwerk Kinder von Inhaftierten – Hessen“ mit seiner Landesfachstelle ist Anlaufstelle für Betroffene und Fachkräfte und Vernetzungsstelle zwischen Justiz und Jugendhilfe. Betroffene Familien erhalten Informationsmaterial als erste Orientierungshilfe sowie die Möglichkeit einer Erstberatung. Daneben ist eine zentrale Aufgabe des Projektes der Aufbau von Netzwerken im Bereich von Justiz und Jugendhilfe. Für Fachkräfte in Justiz und Jugendhilfe wird ein breit gefächertes Angebot aufgebaut, das kollegiale Beratung und Qualifizierungsangebote umfasst. Fachtage, Kongresse, Informationsveranstaltungen und Öffentlichkeitsarbeit ergänzen dieses Anliegen, das auch den Ausbau der Familienorientierung im Justizvollzug fördern will.

In Hessen wird das „Netzwerk Kinder von Inhaftierten – Hessen“ aktuell schwerpunktmäßig in drei Modellregionen mit den Justizvollzugsanstalten Frankfurt III (Frauen), Butzbach und Kassel I (Männer) umgesetzt. Die dort geschaffene Vernetzungsstruktur soll sukzessive und langfristig auf die anderen Regionen in Hessen übertragen werden.

„Dadurch profitiert die Gesellschaft insgesamt“, betont Inge Bietz, die Vorsitzende der Aktion-Perspektiven für junge Menschen und Familien e.V.. Betroffene Familien rutschen nicht weiter in prekäre Lebenslagen ab – Armut und Straffälligkeit kann vorgebeugt, zusätzliche Kosten für Sozialleistungen vermieden werden. Ein familienorientierter Strafvollzug wirkt sich außerdem meist förderlich auf die Resozialisierung des inhaftierten Elternteils aus.

Über uns

Die AKTION – Perspektiven e. V. ist als langjähriger Träger der Kinder- und Jugendhilfe und der freien Straffälligenhilfe, seit vielen Jahren im Bereich der Angehörigenarbeit tätig und hat weitreichende Expertise im Thema Kinder von Inhaftierten.

In verschiedenen Kursangeboten für Inhaftierte zur Stärkung ihrer Erziehungskompetenz, etwa unter dem Titel „Der Weg zurück in die Familie“ und im Rahmen des Förderprojektes „Angehörigenarbeit im hessischen Justizvollzug“ (2017 – 2019) konnten wertvolle Erkenntnisse gewonnen werden. Mit dem von der Aktion Mensch geförderten Projekt „Aktion KiM – Kinder im Mittelpunkt – Beratung und Unterstützung für Kinder von inhaftierten Eltern und ihre Bezugspersonen in Hessen“ gab es zudem in Hessen erstmals ein spezialisiertes Angebot mit vielen Aktivitäten für die betroffenen Familie. Unter dem Titel „Die Zeit nutzen – Handlungsempfehlungen für einen familienorientierten Vollzug der Justizvollzugsanstalten in Hessen“ wurde die Praxiserfahrungen veröffentlicht.

Am 19. April findet das Fachforum „Gemeinsam für die Kinder von Inhaftierten“ statt. Es bildet die Auftaktveranstaltung für die Landesfachstelle „Netzwerk Kinder von Inhaftierten Bayern“, die sich für eine integrierte Hilfe von Jugendhilfe und Justiz für Kinder von Inhaftierten einsetzt. Ziel ist die bestmöglichste Entwicklung dieser Kinder zu gewährleisten.

Im Januar 2023 wurde die Landesfachstelle „Netzwerk Kinder von Inhaftierten Bayern“ gegründet, die für den Aufbau einer koordinierten Unterstützungsstruktur und Angebote auf unterschiedlichsten Ebenen sowie für die Beratung von Angehörigen und Fachkräften zuständig ist. In enger Zusammenarbeit mit den zuständigen Behörden und Institutionen vor Ort werden die Bedürfnisse der betroffenen Kinder und Familien herausgearbeitet und gezielte Unterstützung entwickelt.

Das Fachforum „Gemeinsam für die Kinder von Inhaftierten“ ist gleichzeitig der Auftakt für die Landesfachstelle Bayern sowie der Abschluss von dem Projekt „Kinder in Aktion“ (KiA) – ein Projekt zur Umsetzung der Kinderrechte für Kinder von Inhaftierten, an dem betroffene Kinder und Jugendliche aktiv in Entscheidungs-, Entwicklungs- und Umsetzungsprozesse mit einbezogen waren. Im Mittelpunkt des Forums steht die Frage, wie Kinder von Inhaftierten strukturell und fachlich besser in ihrer Situation unterstützt werden können. Dafür werden die kinderrechtlichen Hintergründe und die daraus entstehende Verantwortung beleuchtet und best-practice Beispiele im fachübergreifenden Austausch mit Vertretern aus Politik, Justiz und Jugendhilfe diskutiert. Durch eine multiprofessionelle und sachgebietsübergreifende Zusammensetzung der Forumteilnehmer*innen soll ein nachhaltiges, interdisziplinäres Hilfekonzept entstehen.

Schätzungen zufolge sind in Bayern jährlich 14.000 Kinder von der Inhaftierung eines Elternteils betroffen. Wissenschaftliche Untersuchungen ergaben, dass unter den betroffenen Kindern mehr als zwei Drittel unter negativen psychischen und physischen Folgen leiden. Zudem ist das Risiko selbst straffällig zu werden erhöht.

Hintergrundinformationen

Das Strukturprojekt findet in Kooperation mit dem Bayerischen Staatsministerium der Justiz und dem Bayerischen Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales statt.

Die Landesfachstelle „Netzwerk Kinder von Inhaftierten Bayern“ wird von der Auridis Stiftung gefördert.