Das Wohl der Kinder von Inhaftierten wurde lange Zeit wenig berücksichtigt, wenn es um Haft und Strafvollzug ging. Das Netzwerk Kinder von Inhaftierten Bayern möchte genau das verändern. Eine wichtige Rolle spielt dabei der Beirat des Projektes. Eine seiner engagierten Stimmen ist Karin Enzenhöfer, Vertreterin des Jugendamtes Nürnberg. Im Interview spricht sie darüber, warum sie sich im Beirat engagiert, was sich für Kinder von Inhaftierten bereits verändert hat und warum es einen Perspektivwechsel in Politik und Gesellschaft braucht.
„Ich habe das Gefühl, ich kann etwas beitragen“
Was Karin Enzenhöfer in den Beirat des Netzwerks Kinder von Inhaftierten Bayern einbringt, ist vor allem eines: der Blick aus verschiedenen Perspektiven. Sie möchte verstehen, wie das System funktioniert, hinterfragt bestehende Strukturen und scheut sich dabei nicht, auch einmal kontroverse Fragen zu stellen. „Ich bin gern jemand, der die Praxis reflektiert“, beschreibt sie ihre Rolle. Die Ideen und Impulse, die aus dem Netzwerk kommen, möchte sie mit der Realität des Systems abgleichen und darauf schauen, was davon tatsächlich in der Praxis funktionieren kann.
Dabei kann sie auf Erfahrungen aus unterschiedlichen Bereichen zurückgreifen. Sie kennt die Perspektive des Allgemeinen Sozialdienstes ebenso wie die der Jugendgerichtshilfe und bringt auch Erfahrungen aus Leitungsfunktionen mit. „Ich bin die Spezialistin fürs Allgemeine“, sagt sie mit einem Augenzwinkern über sich selbst. Gerade diese verschiedenen Blickwinkel ermöglichen es ihr, neue Ansätze zu hinterfragen, unterschiedliche Interessen zusammenzubringen und zugleich das große Ganze im Blick zu behalten.
Einen roten Faden gibt es dabei immer: das Kind. „Die Perspektive des Kindes einzunehmen, das war das Neue, was ich gelernt habe.“ Kindeswohl und Kinderrechte sind für sie der Maßstab, an dem sie Strukturen und Entscheidungen betrachtet. Das treibt sie an, Routinen zu hinterfragen und immer wieder neu zu überlegen: Was braucht ein Kind in dieser Situation wirklich?
Die Treffen des Beirats geben ihr dabei immer wieder einen wichtigen Impuls: „Ich finde es wichtig, dass man nicht in seiner Routine verhaftet, sondern sich auch mal wieder grundlegende Gedanken macht.“
Und genau darin sieht sie auch eine wichtige Stärke des Projektes: Es schafft Raum für neue Perspektiven und bringt Menschen zusammen, die gemeinsam daran arbeiten, die Situation von Kindern von Inhaftierten zu verbessern.
Kontakt kann auch eine Chance sein
Wie wichtig dieser Perspektivwechsel ist, zeigt ein Fall aus ihrer beruflichen Praxis. Ein Vater war psychisch krank, drogenabhängig und hatte Gewalt im familiären Umfeld ausgeübt. Für das Kind war die Situation massiv belastend. Während der Haft stabilisierte sich der Vater jedoch zunehmend und erinnerte sich wieder an die gute Beziehung zu seinem Kind.
Die Mutter wollte zunächst keinen Kontakt. „Früher hätten wir gesagt, dass die Mutter Recht hat“, erzählt Enzenhöfer. Doch durch eine umfassende Beratung konnte gemeinsam eine andere Lösung gefunden werden: ein Briefkontakt zwischen inhaftiertem Vater und Kind.
Für Enzenhöfer zeigt dieser Fall, wie wichtig es ist, nicht vorschnell zu entscheiden, sondern genau hinzusehen: „In solchen schwierigen und komplexen Situationen kann ein Angebot plötzlich eine Chance sein.“ Unter den klaren Bedingungen der Haft könne ein Kind seinen Vater möglicherweise in einem guten und klaren Bewusstsein erleben. Entscheidend sei dabei, dass das Kind gut begleitet werde und eine Situation erlebe, „die ihm gut tut und kindeswohlgerecht ist“.
Gerade bei schwierigen Familiengeschichten könne dadurch etwas entstehen, was vorher vielleicht nicht möglich war: „Ich muss nicht mehr sagen, das, was jetzt passiert, ist ja noch schädigender, sondern das ist jetzt eine Chance.“
„Es braucht einen Perspektivwechsel“
Für die Zukunft wünscht sie sich vor allem eines: einen Perspektivwechsel in Politik und Gesellschaft. Kinder dürften nicht über die Straftat ihrer Eltern definiert werden. „Das Kindeswohl und die Rechte des Kindes müssen vorrangig gesehen werden und nicht die Strafe, die der Vater verdient hat.“
Noch immer werde bei Straftaten häufig nach Schuldigen gesucht. Dieses moralische Denken treffe Inhaftierte besonders stark. Sie würden nicht mehr als Väter oder Mütter wahrgenommen, sondern vor allem als Menschen, die eine Strafe verdient hätten. „Dieses Raus aus der Moral, mehr in die Empathie, das wäre mein Hauptanliegen.“
Davon profitieren letztlich nicht nur die Kinder. Auch für die Resozialisierung sei es wichtig, Menschen nicht dauerhaft zu stigmatisieren, sondern ihnen Entwicklung und Veränderung zu ermöglichen.
Mehr Chancen für Kinder
Seit dem Start des Projektes habe sich bereits viel verändert. Kinder hätten heute deutlich mehr Chancen auf einen guten Kontakt zu ihrem inhaftierten Elternteil. Dazu gehören kindgerechte Räume ebenso wie Materialien, Bücher und Angebote für die Zeit vor, während und nach einem Besuch.
Auch Fachkräfte aus Jugendhilfe, Kitas und Schulen würden durch Fortbildungen und Materialien besser für die Situation von Kindern mit einem inhaftierten Elternteil sensibilisiert. „Rund um das Thema haben Kinder einfach viel mehr Chancen, das besser zu verarbeiten“, sagt Karin Enzenhöfer.
Für sie steht deshalb fest: Der Perspektivwechsel ist noch nicht abgeschlossen. Aber er hat begonnen. Und im Mittelpunkt sollte immer das stehen, worum es eigentlich geht: das Kind.























